17. Juli 2021 ab 13:00

Substanz und Perspektive

 

Praktiken des Um- und Weiterbauens bestehender Bausubstanz im ländlichen Raum

LEEB, PRUSCHA, PÁLFFY, MÖNKEMÖLLER & KREPPEL, STEINER, PFAFFENEDER

Krinzinger Lesehaus präsentierte in Kooperation mit ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich,- Referate und Diskussionen über Praktiken des Um- und Weiterbauens bestehender Bausubstanz im ländlichen Raum. Das von Architekt Carl Pruscha zu einer Bibliothek „Zeitgenössischer Kunstmagazine“ umgewandelte Weinviertler Presshaus,- bot sich als idealer Ort an.

Buch Architektur in Niederoesterreich 20

Buchtipp:
Architektur in Niederösterreich 2010–2020, Hrsg. ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich, Autorinnen: Eva Guttmann, Gabriele Kaiser, Franziska Leeb, Verlag: Park Books, ISBN 978-3-03860-227-9

Wir nahmen das Erscheinen des von ORTE herausgegebenen Buchs „Architektur in Niederösterreich 2010-2020“ zum Anlass, in Niederösterreich tätige Architekt*innen einzuladen, ihre Arbeiten vorzustellen und zu diskutieren. Die Architekturpublizistin Franziska Leeb, eine der Autorinnen und gebürtige Weinviertlerin, hat durch den Nachmittag geführt. 

Das Weinviertel ist bis heute geprägt von landwirtschaftlichen Nutzbauten. Stadelzeilen, die am Rand der in der Senke liegenden Dörfer den Horizont krönen und in Hangkanten eingeschmiegte Kellergassen koexistieren harmonisch mit der Kulturlandschaft. Im Zusammenspiel von Funktion und schlichter Form sind sie Paradebeispiele einer anonymen nachhaltigen Architektur. Mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft kommt ihnen ihre ursprüngliche Funktion als Lager und Produktionsstätte vielfach abhanden. Ohne tragfähige Nutzungskonzepte und kongeniale Ansätze einer architektonischen Weiterentwicklung verkommen sie zu Potemkin’schen Dörfern und laufen Gefahr, entbehrlich zu werden.

Während der Ensemblecharakter vieler Kellergassen einigermaßen unbeschädigt bewahrt werden konnte, haben die Siedlungskörper der Dörfer massiv an struktureller Ordnung eingebüßt. Einst kompakt in das Weichbild der Landschaft gebettet, wachsen sie ungeachtet der ökologischen, ökonomischen, sozialen und ästhetischen Folgen ungebremst ins umgewidmete Ackerland hinaus. Es mangelt an Bewusstsein für die Rolle von Anordnung, Lage und Ausgestaltung von Siedlungsgebieten in Hinblick auf die Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels. Dabei böten die einst landwirtschaftlich genutzten Höfe enormes Potenzial, ressourcenschonend die dörflichen Strukturen mit neuen Inhalten für die Zukunft zu rüsten.

Architektur ist immer wieder ein Thema im Lesehaus nach ORIS mit Vera Grimmer, Andrija Rusan und Margit Ulama, Lehmarchitektur mit Peter Hauenschild und Andi Breuss, sowie der Diskussion zwischen Carl Pruscha und Verena Formanek.

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Franziska Leeb (© Angela Lamprecht)

Franziska Leeb

1968 geboren, lebt und arbeitet als freiberuflich tätige Architekturpublizistin und -vermittlerin und ist ORTE Vorstandsvorsitzende. Nach ihrem Studium in Kunstgeschichte in Wien und Innsbruck arbeitete Franziska Leeb in der Galerie Grita Insam und war freie Mitarbeiterin bei der Tageszeitung Der Standard. Von 1998 bis 2001 war sie Chefredakteurin des Fachmagazins architektur und 2015 bis 2016 der Zeitschrift KONstruktiv. Derzeit publiziert sie vor allem im Spectrum der Tageszeitung Die Presse sowie in architektur.aktuell und ist als Herausgeberin und Autorin von Architekturfachbüchern tätig.

Carl Pruscha

Geboren 1936 in Innsbruck, studierte Architektur an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Lois Welzenbacher und Roland Rainer und anschließend bis 1964 an der Harvard University. Er arbeitete in den Büros von Paul Leister Wiener und Wallace K. Harrison mit und wurde 1964 Regierungsberater der UNO und der UNESCO in Nepal, wo er sich intensiv mit den traditionellen Bauweisen der Region beschäftigte und einige Projekte im Kathmandutal verwirklichte. Von 1976 bis 1988 war Pruscha Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien, bis 2001 ebendort Rektor.
Zentrale Arbeitsgebiete und Forschungsfelder sind der menschliche Lebensraum, das „Habitat“ sowie die anonyme Architektur, die für seine Auffassung von Architektur von besonderer Bedeutung ist. Im Weinviertel realisierte er mehrere Umbauten landwirtschaftlicher Gebäude, eines davon das Krinzinger Lesehaus. 

András Pálffy

1954 in Budapest geboren, studierte Architektur an der TU Wien, wo er ab 2003 eine Professur an der Abteilung für Gestaltungslehre und Entwerfen der TU Wien innehatte und von 2012 bis 2020 Vorstands am Institut für Architektur und Entwerfen war. Von 2007 bis 2013 war er Präsident der Vereinigung bildender KünstlerInnen der Wiener Secession. Seit 1988 führt er mit Christian Jabornegg das Büro Jabornegg & Pálffy. Ihr derzeit wichtigstes Projekt ist die umfassende Sanierung des Österreichischen Parlamentsgebäudes. Das Bauen im Bestand ist seit Bestehen des Büros ein wesentliches Arbeitsfeld. So machten sie auch im niederösterreichischen Stift Altenburg mit ihren Umbauten und Interventionen die komplexe Entstehungsgeschichte der Anlage wieder lesbar. Das Weiterentwickeln bestehender Baustrukturen auf dem Land war ein wesentliches Thema seiner Lehre an der TU Wien.

Mönkemöller & Kreppel

Anja Mönkemöller (geb. in Stuttgart) und Burkard Kreppel (geb. in Aschaffenburg) studierten Architektur in Berlin und Darmstadt. Nach Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros begründeten sie 2001 ihre Zusammenarbeit in Wien, wo sie seit 2005 als Mönkemöller und Kreppel Architekturbüro firmieren. All ihre Projekten kennzeichnet ein Fokus auf die Einbeziehung des Ortes und der vorhandenen Bausubstanz. Umbauten und Revitalisierungen, darunter einige Bauernhäuser in Niederösterreich, nehmen einen zentralen Stellenwert in ihrem Werk ein. Für das Kultur-Touristische Leitsystem St. Pölten (mit lenz+ büro für visuelle gestaltung) erhielten sie den reddot design award 2011.

Norbert Steiner

1967 in Kufstein geboren, zwischen 1996 und 1998 tätig im internationalen, avantgardistischen Architekturbüro Coop Himmelb(l)au.  1998 diplomierte er an der TU Wien und gründete im selben Jahr Sputnic Architektur. Seit 1999 realisiert er Projekte mit dem Künstler Heimo Zobernig. 2011/12 hatte er einen Lehrauftrag an der FH Spittal/Drau inne und von 2014 bis 2021 lehrte er am Institut für Architektur und Entwerfen an der TU in Wien. Im Weinviertel realisierte er etliche (Um-)Bauten im Sektor der Weinarchitektur, zum Beispiel für die Weingüter Zull in Schrattenthal und Weber in Roseldorf sowie das Landgut Gruber in Röschitz.

Ernst Pfaffeneder

Geboren 1971, studierte Architektur an der TU in Wien und diplomierte ebendort 2009 mit Auszeichnung. 2010 war er Mitarbeiter bei Baumschlager Eberle Architekten, Lochau. 2011 bis 2015 war er als Universitätsassistent an der TU in Wien tätig und wurde 2012 Dozent an der Summerschool der Università di Cagliari, Sardinia. Seit 2016 ist er Senior Lecturer an der Abteilung Gestaltungslehre und Entwerfen der TU in Wien, 2017 erhielt er seine Befugnis als staatlicher Ziviltechniker und eröffnete sein eigenes Studio, mit dem er unter anderem den Umbau eines Bauernhofes im Weinviertel realisierte.