HIDDEN ROOMS

Bernd Oppl & Alejandro Bachmann

Bernd Oppl stellt im Gespräch mit Alejandro Bachmann seinen aktuellen Katalog HIDDEN ROOMS vor, der im Rahmen des gleichnamigen Projektes im Kunstraum Dornbirn in Zusammenarbeit mit der Galerie Krinzinger erschienen ist. Bernd Oppl bezieht sich in seiner Arbeit HIDDEN ROOMS auf das erste kommerzielle Filmstudio von William K. L. Dickson mit dem Namen „Black Maria“. Dieser Filmstudio-Prototyp ist Architektur und Apparat zugleich: ein Gebäude gemacht für die Filmkamera, eine erste Black Box für die Abbildung und Aufzeichnung der sichtbaren Welt auf Zelluloid – ganz in künstliche Dunkelheit gehüllt. Im Gespräch wird Oppl Bezugslinien zur frühen und aktuellen Filmgeschichte ziehen. Gemeinsam wird er mit Bachmann der Frage nachgehen, welche Medienruinen wir hinterlassen.

 

Bernd Oppl über seine Arbeit: In meiner Arbeit spüre ich der Frage nach, in welchen Räumen wir uns bewegen - in fremden und selbst geschaffenen, in realen und virtuellen Architekturen, in äußeren und inneren, in physischen und psychischen Räumen. Durch welche gesellschaftlichen Veränderungen und Technologien werden diese Räume geformt und beeinflusst? Wann tauchen neue Raumgestalten auf oder verschwinden wieder aus unserem Leben? Üblicherweise sind Räume Container für Lebenssituationen. In den Räumen spielt sich das Leben ab. In meinen Objekten und Installationen werden die Räume selbst zu Protagonisten und beginnen von sich aus zu erzählen, was in ihnen geschieht.

Die Ausstellung Hidden Rooms von Bernd Oppl war von März bis Juni im Kunstraum Dornbirn zu sehen. Anlässlich der Präsentation des gleichnamigen Kataloges findet eine Annäherung an Oppls künstlerische Praxis und seine inhaltlichen Schwerpunkte im Gespräch mit Alejandro Bachmann statt. Der Zugang des Filmwissenschaftlers ist experimentell. Er konzipiert einen Dialog entlang sechs ausgewählter Filmausschnitte. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit wird die Geschichte des bewegten Bildes nachgezeichnet, auf die sich auch Opels Installation bezieht.

 

Die Black Maria wurde 1982 auf dem Grundstück von Thomas Alva Edison errichtet. Das Gebäude stand auf einem beweglichen Plateau, das sich nach dem Stand der Sonne ausrichtete. Dickinson lud Artisten ein darin Kunststücke zu zeigen oder zeichnete Alltagssituationen in der künstlichen Umgebung auf.

 

Der erste Filmausschnitt, den Bachmann zeigt, L’homme à la tête le caoutchouc (1901), stammt von George Méliès. Dieser produzierte deine Filme in einem eigens anfertigten Glashaus. Beide Beispiele zeigen also wie die Erfindung eines neuen Mediums, dem Film, eine neue Form von Architektur hervorgebracht hat. Sowohl Dickinson als auch Méliès nutzen natürliches Licht und konstruieren Apparaturen, um es einzufangen. Während der eine Regisseur mit Transparenz arbeitet, erschafft der andere Illusion durch künstliche Dunkelheit.

Im Rahmen seiner Recherche hat sich Oppl intensiv mit dem Black Screen, Vorgänger von Blue und Green Screen, auseinandergesetzt. Durch vollkommene Dunkelheit wurde ein unendlicher Raum geschaffen. Grenzen wie Wände und Boden waren unsichtbar. Die Abwesenheit von Licht führt also zur Auflösung des Raumes. Vor einem schwarzen Hintergrund konnte man optische Täuschungen erzeugen. Der Kopf schien zu schweben, wenn jemand einen schwarzen Anzug trug.

Oppls Nachbildung der Black Maria lässt anders als das Original Lichteinfall aus allen Himmelsrichtungen zu. Die Architektur ist keine Replikation, sondern eine fragmenthafte Nachempfindung. Durch fehlende Wände stehen Besucher*innen zwischen Innen- und Außenraum. Ein Dialog zwischen Bauwerk und Bewegtbild entsteht. In der Mitte befindet sich ein trapezförmiger Kasten. Seine Seitenwände sind mit teilverspiegeltem Glas verkleidet. Nach oben hin ist die Konstruktion offen. Im inneren befindet steht ein weisses Gerüst, das sich dreht. Von einer Kamera wird die Bewegung aufgezeichnet und in Echtzeit als endloser Film an die Kopfseite des großen Gebäudes projiziert. An dessen Wänden befinden sich Dioramen. Die dargestellten Szenarien, sollen Besucher*innen in verschiedene Raumsituationen führen: Eine Karaoke bar, ein Internet Cafe, ein Schlafzimmer mit Laptop, ein Fernsehstudio und ein Screening Room. In ihnen verschachteln sich physischer und virtueller Raum verschachtelt. Sie erinnern an die Anfänge des bewegten Bildes. Frühe Filme wurden nicht für das Kino gedreht, sondern waren in kleinen Guckkästen zu sehen.


Die Arbeit mit Modellen war von Beginn an ein Bestandteil des Films. Ein Großteil ihrer Aufgaben wird heute digital erledigt. „Playtime“ von Jacques Tati war besonders aufwändig in der Produktion. Der Regisseur ließ ganz Paris im Miniaturformat nachbauen und greift dabei Tendenzen von Modernismus und Sciencefiction auf. Die Erzählung bewegt sich von großen zu kleinen und von privaten zu öffentlichen Räumen. Auch für Oppl ist die Überführung von Macro- zu Microraum zentraler Bestandteil seiner Arbeit. Er untersucht das Verhältnis zwischen Innen und Aussen. Die Grenze dazwischen löst sich auf.

 

Das Format der Dioramen evoziert Intimität und Distanz. Man nähert sich dem Kunstwerk um es genau zu betrachten. Trotzdem steht man immer außerhalb des kleinen Raumes. Wie im Film werden Vorstellungsräume geschaffen, die man physisch nicht erleben kann.

 

„I Looked Around the Internet“ ist eines jener Modelle, die in Dornbirn zu sehen waren war. Das Diorama zeigt ein Internetcafé im Stil der 90er Jahre. Auch hier handelt es ich um einen Raum, dessen Entwicklung, wie im Fall der Black Maria von technologischem Fortschritt notwendig und genauso schnell wieder überflüssig gemacht wurde. Auf den Computerbildschirmen wird eine Bewegung durch den Weltraum simuliert. Das trist anmutende Internetcafé steht im Gegensatz zur Unendlichkeit des Universums. Für Oppl ein romantisches Bild.

 

Bildschirme findet man auch in den anderen Modellen. Sie sprechen nicht von konkreten Situationen, sondern einem omnipräsenten Zugang zur virtuellen Welt. Anders als in einem Vorfilm von D.W. Griffith, der humorvoll zeigt, wie man sich im Kino zu verhalten hat, sind Oppls Räume menschenleer. So können Betrachter*innen ihrer Vortsellungskraft freien Lauf lassen.

 

Auch Einsamkeit spielt eine Rolle. Durch Internet und soziale
Medien entsteht sowohl Gefühl von Verbundenheit als auch Isolation. Die Dioramen liefern jedoch keine einseitigen Bilder einer modernistischen Entfremdung. Viel eher verkörpern sie Ambivalenz und Komplexität. Ästhetische Wirkung von Kunstlicht spielt ebenso eine Rolle wie die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Raum. Raum ist für Oppl das Negativ des Körpers. Die Darstellung von physischer fragt nach den Spuren des Belebten. Wie sich Menschen verhalten bleibt offen. Der Künstler setzt sich in diesem Zusammenhang mit dem Phänomen auseinander, dass sowohl physische als auch virtuelle Räume explizit oder implizit spezifische Verhaltensregeln suggerieren.


Eigene Erinnerungen waren Oppls Ausgangspunkt für die vier Dioramen im Kunstraum Dornbirn. Daneben nutzt er für die Rekonstruktion Bildmaterial aus dem Netz. Ging es ihm zu Beginn seiner Recherche vor allem um Räume, die Bilder produzieren, führt die Auseinandersetzung in zunehmend private, intime Umgebungen. Die Modelle sind Verdichtungen, die in der Realität so nicht existieren. Der Entwurf wird in einem 3D Programm am Computer konkretisiert. Ein spezialisiertes Labor druckt das digitale Modell. Die Einzelteile werden zusammengefügt, räumlich angeordnet und durch abgestimmte Beleuchtung inszeniert. Alle Bildschirme im inneren der Detail verliebten Micro Welten sind mit Videos ausgestattet.


Oppl vergleicht das Herstellungsverfahren mit dem Entwicklungsprozess von Fotos. Der Unterschied sei jedoch, dass sich durch den 3D Druck das Verhältnis von Bild und Objekt. Im Zeitalter der Digitalisierung kann jede Bildwelt kann zu einer dingliche Welt werden. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Rekonstruktion der Black Maria als Annäherung an das Verhältnis zwischen Bild und Objekt begreifen. Architektur ist ein Objekt, das Bilder erzeugt. Insbesondere die Verbindung von Kamera und Modell im Zentrum der Konstruktion zeichnet diesen Zusammenhang nach. Durch die Aufnahme wird der Besucher zum Protagonisten. Jenes unumstößliche Verhältnis, das man aus dem Kino kennt und bei der Betrachtung der Dioramen erlebt, löst sich auf.

 

Oppls Modell ist ein Mechanismus, der sich selber darstellt, ein performatives Objekt. Die treibende Kraft ist dabei der Versuch etwas zu zeigen. Wenn der Künstler Ausschnitte aus seiner Umwelt seziert, prägt auch der Wunsch nach Kontrolle den Aneignungsprozess. Die Größenverhältnisse ermöglichen ein Gefühl von Macht. Dabei wird die Verdinglichung im Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Imagination zu Ausdruck und Nährboden von Utopie.

ALEJANDRO BACHMANN ist Kulturarbeiter mit Schwerpunkten im Vermitteln von und Schreiben über Film sowie in der Zusammenstellung von Filmprogrammen (mit Fokus auf dokumentarischen und experimentellen Formen). 2010-2019 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, später Leiter des Bereichs „Vermittlung, Forschung und Publikationen“ des Österreichischen Filmmuseums. Seit 2015 Teil der Auswahlkommission im Bereich Dokumentarfilm der Diagonale - Festival des österreichischen Films, seit 2019 Mitglied der Auswahlkommission der Duisburger Filmwoche. Herausgeber von Räume in der Zeit. Die Dokumentarfilme von Nikolaus Geyrhalter (Sonderzahl 2015) und Co-Herausgeber von Echos. Zum dokumentarischen Werk Werner Herzogs (Vorwerk 8 2018), Associate Editor des FOUND FOOTAGE MAGAZINE und des Film Education Journal. Lebt in Wien. (source: https://www.alejandrobachmann.com/index.html)

BERND OPPL geboren/born 1980 in Innsbruck, lebt und arbeitet in Wien, lives and works in Vienna. Ausbildung / Education Studium an der Kunstuniversität Linz (Malerei und Grafik bei Prof. Ursula Hübner) Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien (Video und Videoinstallation bei Prof. Dorit Margreiter).


Einzelausstellungen / Solo Exhibitions 2019 Hidden Rooms, Kunstraum Dornbirn, Dornbirn (AT). 2018 Substanzaufnahme, Kuiper Projects, Brisbane (AU), Arbeiten aus Wiels Brüssel, Galerie Krinzinger Kabinett, Vienna, (AT), Der Raum als Protagonist, Galerie Schloss Wiespach, Hallein (AT). 2016 Intermission, Galerie Krinzinger, Wien (AT), Hungry Eyes (with Lotte Schreiber), One Night Stand Gallery, Sofia (BG), Bernd Oppl / Peter Westman, Candyland, Stockholm (SE). 2015 Keep it all inside, Kunstraum Goethestrasse, Linz (AT). 2014 Viennafair 2014, Einzelpräsentation, Galerie Krinzinger, Wien (AT), Inhabited Interiors, Georgia Museum of Art, Athens (USA), Drehmoment, RLB Atelier, Lienz (A) (Katalog), Passages - Antonia Breme und Bernd Oppl, Amstel 41, Amsterdam (NL). 2013 Spatial Distortion, Galerie Krinzinger, Wien (AT), Raumflucht, artpartments, Josefstädter Straße 15, Wien (AT), 2012 constants are changing, Neue Galerie, Innsbruck (AT). 2011 Delay Room, k/haus Videogalerie, Wien (AT), Bernd Oppl, Asifakeil, MQ - Museums- Quartier, Wien (AT). 2010 Bernd Oppl, AQ - Artist Quarterly, Sotheby‘s, Wien (AT), Bernd Oppl/Liddy Scheffknecht, bb15, Linz (AT). 2009 Point of View, Kunstverein <das weisse
haus>, Wien (AT), In den kleinen weißen Zellen, DEMORAUM, Akademie der bildenden Künste, Wien (AT). Gruppenausstellungen (Auswahl) / Group
Exhibitions (selection). 2019 Set this house in order, Neuer Kunstverein Wien, Vienna (A). 2018 My friends curated by Waqas Khan, Galerie Krinzinger, Vienna (A), Staging Mimicry, Depo, Istanbul (TR), Faceless, Österreichische Kulturforum Berlin (DE), Temporäre Ornamente, Intervention im Naturthistorischen Museum Wien (A), RLB Kunstpreis 2018, RLB Kunstbrücke, Innbruck (A), fünf Künstlerinnen x fünf Museen, Angewandte Innovation Laboratory, Vienna (A), The Remains of Cinema, Künstlerhaus Graz (A), silence matters., Angewandte Innovation Laboratory, Vienna (A), Greater Taipei Biennial of Contemporary Art 2018. 2017 The adventure of discovery - Highlights from a Hungarian private collection, curated by Alenka Gregoric, Balassi Institute, Ljubljana, Slovenia (IM)PERSONAL, curated by Boris Kostadinov, Pearl Street Triangle, New York, USA und Interieur, Die Außenwelt der Innenwelt - Kulturstiftung Schloss Agathenburg, Agathenburg (DE), Privacy Settings - Stadtgalerie Bern (CH), AIR 2016, Krinzinger Projekte, Vienna (A), Im/Personal - Kunstraum LLLLLLI, Wien (A), (IM)PERSONAL, curated by Boris Kostadinov, Seidlgasse 14, Vienna (A) und Kardinal Koenig Kunstpreis, Salzburg, Austria und Bauhahahaus, Bebaut Bewohnt Belustigt, afo architekturforum oberösterreich, Linz (A), YOU WANT TRUTH OR BEAUTY? , Kunsthaus Nexus, Saalfelden (A). 2016 Abbild :: Realität!? - Projektraum Viktor Bucher, Wien (A) und Painting Is Dead - Long Live Painting - CCA Andratx, Andratx (ES) und Changing Views, National Center for Modern Art, Minsk (BLR) und Bernd Oppl / Peter Westman, Candyland, Stockholm (SE) und Abbild :: Realität!?, Projektraum Viktor Bucher, Wien (A) und Painting is Dead – Long Live Painting, CCA Andratx (ES) UND Projekt – 56. Annalen: Brdo 1976 – 2016, Istarska Sabornica, Porec (HR) und Ajnhajtclub, frei_raum MQ21, Vienna (A) und Peripheral Influence, Kanderdine Art Gallery, Saskatoon, (CA) und Errors of Beauty – Contemporary Austrian Art in Sofia, National Gallery, Sofia (BG) und Im Dämmerschlaf, Km0, Innsbruck (A). Preise / Stipendien / Awards / Grants Artist in Resiedence Wiels Brussels, Belgium 2018 und CCA Antrax, Artist-in-Residence; (2016) und Hilde-Zach-Kunststipendium der Landeshauptstadt Innsbruck 2015 und Artist in Residence, Mallorca, CCA 2016 und Artist in Residence, Kuberton Croatia, 2016 und Artist in Residence, Luxemburg, 2014 und Kunstpreis der RLB Tirol AG (2012); und Artist in Residence Program Hungary, Krinzinger Projekte Wien, Petömihályfa (HU) (2012) und Artist in Residence Urban Interventions, Stipendium der EU für Tallinn (EST) (2010) und Arbeitsstipendium des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur (2008/09) und Förderpreis für zeitgenössische Kunst.

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